3 Tipps: Gebärdensprache

Es ist mal wieder Zeit für ein paar neue Doku-Tipps! Als Thema für diesen Blogbeitrag habe ich mir Gebärdensprache ausgesucht – genauer gesagt Deutsche Gebärdensprache (DGS). Es gibt nämlich nicht nur eine Gebärdensprache, die überall auf der Welt gleich ist; jedes Land hat eine eigene Gebärdensprache, genauso wie die meisten Länder eine eigene Lautsprache haben. Außerdem gibt es auch in der DGS unterschiedliche Dialekte, die sich von Region zu Region unterscheiden. Gebärdensprachen folgen einer eigenen, vollständigen Grammatik und können ebenso viel ausdrücken wie Laut- und Schriftsprachen. In Deutschland wurde die Deutsche Gebärdensprache trotzdem erst 2002 als vollwertige Sprache offiziell anerkannt (Quelle: Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.). Viel Spaß beim Lesen meiner Rezensionen und beim Schauen der verlinkten Dokus!

1. „Mit Gebärdensprache: Taub, aber nicht stumm“, NDR Doku, 2018, Länge: ca. 30 Minuten

Reporterin Lisa zieht für eine Woche in die WG von Antonia. Antonia ist seit ihrer Geburt taub und mit der Deutschen Gebärdensprache aufgewachsen. In ihrer WG wohnen ausschließlich Gehörlose, dadurch führt der Film einen interessanten Perspektivenwechsel durch: Reporterin Lisa ist als Hörende plötzlich in der Unterzahl, sie muss sich nach den anderen richten und versuchen, zu kommunizieren, ohne die Sprache der anderen zu sprechen. Eine Situation, die Antonia und ihre Mitbewohner:innen selbst nur zu gut aus dem Alltag kennen. Sie erzählen von Diskriminierung und Berührungsängsten, zum Beispiel an der Uni oder bei Behördengängen. Außerdem versuchen sie gemeinsam mit der Reporterin der Frage nachzugehen, warum es oft schwierig ist, die Welt der Hörenden mit der Welt der Gehörlosen zusammenzubringen. Antonia und Bella (die zweite Protagonistin) gehen in der Doku ganz offen mit ihrer Gehörlosigkeit um – Antonia erzählt zum Beispiel, warum sie sich vor ein paar Jahren dazu entschlossen hat, ihre Stimme nicht mehr zu benutzen und nicht mehr mittels Lautsprache zu kommunizieren, während Bella teilweise Lautsprache benutzt, um sich mit Hörenden zu verständigen. Der komplette Film wird in Gebärdensprache übersetzt (das sollte es eigentlich bei allen Filmen geben, nicht nur bei solchen, die sich mit Gebärdensprache beschäftigen).

subjektiv; nah an den Protagonistinnen und ihrer Lebenswelt

wenig Fakten (da es eine subjektive Reportage ist, die gut ohne viele Fakten auskommt, ist das aber kein wirklicher Kritikpunkt)

2. „Taub, aber nicht stumm! Tagesschau für Gehörlose“, follow me.reports, 2019, Länge: ca. 15 Minuten

Im Zentrum dieser kurzen Reportage steht Rafael, der Dolmetscher für Gebärdensprache ist. Er dolmetscht unter anderem bei der Tagesschau (wie der Titel schon verrät). Reporterin Aminata trifft ihn zunächst in Köln, wo er ihr ein paar Gebärden beibringt und ein wenig von sich erzählt. Er wollte eigentlich Schauspieler werden, sah sich dabei als tauber Mensch allerdings so vielen Hürden ausgesetzt, dass er diesen Traum nicht weiter verfolgen wollte bzw. konnte. Stattdessen arbeitet er nun als Dolmetscher, und im zweiten Teil der Doku nimmt er Aminata und die Zuschauer:innen mit zu einem typischen Arbeitstag. Die Aufnahmen aus dem Tagesschau-Studio und der Blick hinter die Kulissen sind sehr interessant, vor allem, da ich vorher ehrlich gesagt gar nicht wusste, dass es die Tagesschau jeden Tag auch in Gebärdensprache gibt (ausgestrahlt auf Phoenix). Rafael gebärdet live und simultan, den Text bekommt er vorher nicht zu sehen. Die Doku wird an manchen Stellen von Infotafel mit Fakten zur Deutschen Gebärdensprache begleitet. Wer möchte, kann zum Beispiel den Film an einer Stelle pausieren und mithilfe einer solchen Tafel das Fingeralphabet lernen. Außerdem ist auch dieser Film komplett in DGS übersetzt.

interessanter Einblick in einen ungewöhnlichen Beruf

sehr kurzer Film, streift manche Themen nur (Barrierefreiheit, Gehörlosigkeit im Alltag, …)

3. „Pioniere der Deutschen Gebärdensprache (Teil 1)“, BR, 2020, Länge: ca. 30 Minuten

Das Format „Sehen statt Hören“ des Bayerischen Rundfunks ist ein wöchentlich erscheinendes Magazin mit Beiträgen zur Gebärdensprache zu ganz unterschiedlichen Themen. Dieser Film ist der erste Teil einer Reihe, in der es um die Geschichte und Erforschung der Deutschen Gebärdensprache geht. Er setzt sich aus verschiedenem Archivmaterial zusammen, hauptsächlich aus den 80er-Jahren. Im Fokus steht der Linguist Siegmund Prillwitz – er war der erste, der versucht hat, die DGS sprachwissenschaftlich zu untersuchen und zu beschreiben, und er hat sich dafür eingesetzt, dass sie als offizielle Sprache anerkannt wird. In Interviews erzählt er beispielsweise davon, wie er in den 1980ern zusammen mit seinem Team daran gearbeitet hat, eine Grammatik der DGS zu etablieren und aufzuschreiben. In anderen Ländern gab es eine solche offizielle Grammatik damals schon, nicht aber in Deutschland. Gebärden waren zu dieser Zeit in Deutschland sogar eher verpönt, in pädagogischen Einrichtungen wurde meist Wert darauf gelegt, Gehörlosen das Sprechen von Lautsprache statt Gebärdensprache beizubringen. Die Doku zeichnet die Arbeiten und Bemühungen von Prillwitz und seinem Team nach und zeigt, wie schwierig es war, die DGS als eigenständige und vollständige Sprache zu etablieren. Als Zuschauer:in kann man hier viel lernen, teilweise ist es aber nicht ganz einfach, zu folgen, weil die Interviews und Beiträge nicht immer in Zusammenhang miteinander gebracht werden. Positiv fällt auf, dass die Doku nicht nur in Gebärden- und Lautsprache gezeigt wird, sondern zusätzlich durchgängig Untertitel hat.

spannendes Archivmaterial; sehr informativ

teilweise ein wenig zusammenhanglos, es gibt keinen richtigen roten Faden