3 Tipps: Pride

Heute ist der letzte Tag im Juni und damit der letztes Tag des jährlichen Pride Month. Das habe ich zum Anlass genommen, einige schöne Dokus zum Thema Pride und LGBTQ+ auszusuchen und hier auf meinem Blog vorzustellen. Der Pride Month findet jedes Jahr im Juni statt, in Gedenken an den Stonewall-Aufstand in New York im Juni 1969. Eine Razzia im Stonewall Inn (eine Bar in der Christopher Street mit hauptsächlich queerem Publikum) führte damals zu einer einer Reihe von Unruhen und Aufständen, die heute als Beginn der Emanzipations- und Protestbewegung von Schwulen und Lesben gilt. Das Stonewall Inn wurde 2016 übrigens von Barack Obama zum Nationaldenkmal erklärt, als Symbol des Kampfes für die Rechte der LGBTQ+-Bewegung (Quelle: zeit.de).

1. „Jung, schwul, gläubig“, Das Erste (SWR), 2020, Länge: ca. 30 Minuten

Timo ist schwul, und er ist gläubiger Christ. Zwei Dinge, die sich auf den ersten Blick nicht miteinander vereinbaren lassen. Über seine Erfahrungen darüber, wie es ist, queer und gläubig zu sein, hat er ein Buch geschrieben; außerdem hat er nach langem Suchen eine Kirchengemeinde gefunden, in der er nicht nur toleriert, sondern akzeptiert wird und sich wohl fühlt. Die freikirchliche Gemeinde, in der er aufgewachsen ist, hat er verlassen, da er sich dort nicht mehr zugehörig gefühlt hat. Auch Tugay, ein junger Muslim, hat lange mit seinem Glauben gehadert und seine Homosexualität sogar jahrelang als Krankheit angesehen, bevor er zu dem Schluss gekommen ist, dass seine sexuelle Orientierung und sein Glaube sich nicht unbedingt gegenseitig ausschließen müssen. Der dritte Protagonist, Leo, ist jüdisch und hat mit zwei Freund:innen die Initiative „Keshet Deutschland“ gegründet, eine Anlaufstelle für queere Juden und Jüdinnen, die sich für mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz innerhalb der jüdischen Gemeinschaft einsetzen wollen. Der Ansatz der Doku ist total spannend, da sie nicht nur theoretisch danach fragt, wie Homosexualität und Glaube zusammenpassen können, sondern den praktischen Alltag von drei queeren gläubigen Männern begleitet und auch konkrete Selbsthilfeorganisationen, Initiativen und liberale Glaubensgemeinschaften vorstellt. Die drei Protagonisten erzählen von den Schwierigkeiten und Zweifeln, die sie haben, und von der fehlenden Toleranz, der sie oft ausgesetzt sein, aber sie zeigen eben vor allem auch, dass es – entgegen gängiger Vorurteile – möglich ist, als queerer Mensch einen Platz in einer Glaubensgemeinschaft zu finden. Der Grundtenor der Doku ist positiv. Besonders gut finde ich, dass sich nicht nur auf eine Religion konzentriert wird, sondern sowohl Menschen mit christlichem, als auch mit muslimischem und jüdischem Glauben zu Wort kommen.

spannendes Thema, das zu selten angesprochen wird; die Doku kann vielleicht dabei helfen, einen weniger „starren“ Blick auf Religionsgemeinschaften zu bekommen

es wäre schön, wenn auch weibliche Protagonistinnen vorkommen würden; Religionen werden sehr liberal dargestellt, was aber nach wie vor leider eher die Ausnahme ist

*Eine weitere interessante Doku zum Thema LGBTQ+ und Glaube ist diese hier: „Queer in der Kirche – Wie passt Homosexualität in die evangelische Kirche?“, Y-Kollektiv, 2020, Länge: ca. 20 Minuten*

2. „Transgender-Kinder“, WDR Doku, 2017, Länge: ca. 45 Minuten

Diese Doku begleitet Transgender-Kinder und -Jugendliche in unterschiedlichen Stationen ihres Lebens. Die 8-jährige Sophia wusste schon mit vier Jahren, dass sie ein Mädchen ist, obwohl sie den Körper eines Jungen hat. Für ihre Eltern und Geschwister war das zuerst eine schwierige Umstellung, doch sie unterstützen ihre Tochter, so gut sie können, und versuchen, alle Herausforderungen im Alltag möglichst gut zu bewältigen. Schwierigkeiten ergeben sich für die Familie zum Beispiel in der Schule, wo geklärt werden muss, welcher Name auf Sophias Zeugnis steht, oder in welcher Umkleide sie sich beim Schwimmunterricht umziehen darf. Außerdem reagiert Sophia sehr ablehnend darauf, wenn jemand ihren alten Namen verwendet. Die anderen Protagonist:innen der Doku sind älter als Sophia, zwischen 14 und 19 Jahren. Klara hat bis zu ihrem 12. Lebensjahr als Junge gelebt, inzwischen ist sie 15 und nimmt seit zwei Jahren Hormonblocker, die die Pubertät hinauszögern sollen. Seit ein paar Monaten bekommt sie zusätzlich Östrogene, also weibliche Geschlechtshormone. Ihr Körper soll dadurch nach und nach ihrer Identität angepasst werden. Auch Alexander befindet sich mit 14 Jahren in einem Alter, in dem er anfangen kann, Hormone zu nehmen, die seinen Körper verändern und Symptome einer männlichen Pubertät, wie Bartwuchs, auslösen. Er lebt seit zwei Jahren als Junge. Fynn ist 19 und hat gerade Abitur gemacht. Ihm steht ein großer Schritt bevor: In einer Operation soll seine weibliche Brust entfernt werden. Die Kinder und Jugendlichen in der Doku erzählen davon, wie es war, sich ihren Eltern und Familien anzuvertrauen, als sie gemerkt haben, dass ihr biologisches Geschlecht nicht ihrer Identität entspricht. Sie sprechen über Schwierigkeiten in ihrem Umfeld und über die Unterstützung, die sie bekommen. Neben verschiedenen Ärzten, die zu Wort kommen, wird auch die Perspektive der Eltern eingebunden. Sowohl die Protagonist:innen als auch alle Eltern wirken sehr offen und ehrlich, was der Doku eine schöne Emotionalität verleiht.

es kommen sehr unterschiedliche Kinder und Jugendliche vor; die Doku wertet nicht, sondern lässt vor allem die Kinder und Jugendlichen sprechen

durch die vielen Protagonist:innen ist der Einblick, den man bekommt, teilweise nicht so groß bzw. geht nicht so sehr in die Tiefe

*Ein Jahr nach der Doku ist ein zweiter Film über Sophia entstanden, den ihr hier anschauen könnt: „Ich bin Sophia! Leben als Transgender-Kind“, WDR Doku, 2018, Länge: ca. 30 Minuten*

3. „State of Pride“, YouTube Originals (Rob Epstein/Jeffrey Friedman), 2019, Länge: ca. 70 Minuten

„State of Pride“ ist anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Stonewall-Unruhen entstanden, die den Beginn des „Gay Rights Movement“ markiert haben. Als Einstieg in den Film dient, passend dazu, historisches Bild- und Videomaterial, das Pride-Veranstaltungen und Demonstrationen aus den letzten fünf Jahrzehnten zeigt. Die umkommentierten Bilder schaffen direkt eine schöne und eindringliche Atmosphäre, die sich durch den ganzen Film zieht. Der rote Faden dieser Dokumentation ist die Frage, was Pride jungen Menschen heute, 50 Jahre nach Stonewall, bedeutet. Dazu besucht Raymond Braun (bekannt vor allem aus den amerikanischen Medien) verschiedene Pride-Veranstaltungen und -Paraden in den USA, spricht mit ganz unterschiedlichen Menschen und erzählt auch von seinen eigenen Erfahrungen. Ähnlich dem Fly-on-the-wall-Prinzip fühlt man sich beim Zuschauen als stiller Beobachter/stille Beobachterin, der/die das Geschehen von außen betrachtet. Raymond Braun besucht Metropolen wie San Francisco und kleinere Städte wie Tuscaloosa in Alabama. Dabei lebt der Film vor allem von den persönlichen Geschichten, die erzählt werden, und von den eindrucksvollen Bildern. „Pride is both the party and the protest“, sagt eine der Interviewten, und diese beiden Aspekte spiegeln sich auch in der Narration des Films wider. Aufnahmen von riesigen Paraden, feiernden Menschen und gelebter Toleranz und Vielfalt zeigen, wie viel Pride den Menschen heute bedeutet. Gleichzeitig wird aber auch immer wieder darauf aufmerksam gemacht, warum solche Veranstaltungen überhaupt notwendig sind, warum die Feiern und Paraden immer auch eine Form des Protests sind, des Protests gegen eine Gesellschaft, die auch nach 50 Jahren noch nicht vorurteils- und diskriminierungsfrei ist. Insgesamt macht die Doku gelungen auf die Relevanz und die vielen schönen und emotionalen Aspekte von Pride aufmerksam, ohne jedoch tiefgreifenden Bezug auf gesellschaftliche Probleme zu nehmen (was aber auch nicht der Anspruch des Films ist).

abwechslungsreich und ausführlich; Raymond Braun ist ein sehr sympathischer „Host“ bzw. Protagonist

beschränkt sich nur auf die USA (das ist kein Kritikpunkt, aber vielleicht vorab gut zu wissen)