3 Tipps: Gefängnis

Wenn ich an Gefängnisse denke, habe ich bestimmte Klischees im Kopf, wie der Alltag dort abläuft und wie Straftäter:innen aussehen. Dass viele davon höchstens in Filmen wahr sind, habe ich in dieser Woche gelernt, denn ich habe einige spannende Dokus zu dem Thema gefunden, die ich hier vorstellen möchte. Sie beleuchten auch Perspektiven, an die man vielleicht nicht zuerst denkt, wenn das Stichwort „Gefängnis“ fällt, wie etwa besonders junge oder besonders alte Straftäter:innen, oder die Sicht von Justizvollzugsbeamten. Die drei Dokus, die ich in diesem Beitrag rezensiere, sind alle sehr unterschiedlich, und doch alle auf ihre Weise sehenswert. Viel Spaß beim Lesen und Schauen!

1. „Alte Gangster im Knast: So leben verurteilte Verbrecher im Seniorengefängnis“, Y-Kollektiv, 2020, Länge: ca. 25 Minuten

Haltegriffe an den Wänden und Rollatoren auf dem Flur? Die Abteilung für Lebensältere der JVA Bielefeld-Senne hat auf den ersten Blick mehr Gemeinsamkeiten mit einem Altenheim als mit einem Gefängnis. Hier sitzen Gefangene, die zwischen 60 und Mitte 80 sind, im offenen Vollzug. Reporterin Katja Döhne lernt in dieser Reportage drei von ihnen kennen. Die Männer wollen zunächst so gar nicht dem Bild, das man von Straftäter:innen hat, entsprechen. Sie wirken ruhig, teilweise schon ein wenig klapprig, und haben überhaupt nichts Gefährliches an sich. Dieser Eindruck ändert sich spätestens, als die Reporterin mit Hans Hesse spricht: Er ist Serienbankräuber, hat sein halbes Leben in Gefängnissen verbracht und wurde zuletzt, mit Ende 70, wegen Drogenschmuggels verurteilt. Er berichtet, dass er Menschen mit einer Waffe bedroht hat, um an Geld zu kommen, allerdings nie Mitleid mit ihnen hatte, denn daran dürfe man als Bankräuber eben einfach nicht denken. Außerdem betont er mehrfach, dass Katja Döhne ihm nicht alles glauben darf, was er erzählt, und das löst in mir als Zuschauerin, und offensichtlich auch in der Reporterin, ein mulmiges Gefühl aus. Auch die anderen beiden vorgestellten Gefangenen räumen Klischees aus dem Weg, indem sie zeigen, dass Straftäter:innen meistens nicht den gängigen Vorurteilen entsprechen. Besonders schön ist der subjektive Ansatz der Reportage, der zwar einen Einblick in die Gedanken der Reporterin gibt, aber trotzdem die Gefangenen in den Mittelpunkt stellt. Die Straftaten der Männer werden thematisiert, jedoch gehen die gut ausgewählten Fragen der Reporterin mehr auf die Menschen dahinter und deren Geschichten ein.

ungewöhnliche Perspektive; die Reporterin geht sehr einfühlsam und individuell auf die drei Protagonisten ein

die Interviewten sind teilweise ein wenig schwer zu verstehen

2. „Reif für den Knast?“, 3sat, 2020, Länge: ca. 45 Minuten

Diese Dokumentation nimmt sich einem schwierigen und kontroversen Thema an: Ab welchem Alter können Kinder für Straftaten zur Verantwortung gezogen werden? Und wie sollten Minderjährige bestraft werden? Vorgestellt und miteinander verglichen werden Modelle aus verschiedenen Ländern, unter anderem aus Deutschland, der Schweiz und England. Das Strafsystem für Kinder und Jugendliche unterscheidet sich nicht nur im Alter der Strafmündigkeit, sondern auch in der Art der Bestrafung. Während in Deutschland und der Schweiz die Resozialisierung im Vordergrund steht – insbesondere bei jugendlichen Straftäter:innen –, spielt in England das Bestrafen und Büßen eine größere Rolle. Die Dokumentation ist außerordentlich reich an Fakten, nicht nur über das Jugendstrafrecht in verschiedenen Ländern, sondern z.B. auch darüber, wie sich das Gehirn in der Jugend entwickelt und welchen Einfluss das auf die Deliktsfähigkeit und Strafmündigkeit hat bzw. haben sollte. Interviews mit Kriminologen, Straftätern, Jugendrichterinnen und Neurowissenschaftlerinnen zeigen viele verschiedene Perspektiven auf und lassen den Film abwechslungsreich und reflektiert wirken. Der Vergleich des deutschen Jugendstrafrechts mit dem anderer europäischer Länder regt außerdem zum Nachdenken an.

sehr informativ; obwohl ein umfassender Gesamtüberblick gegeben wird, kommen auch einzelne Straftäter:innen zu Wort, dadurch bekommt die Doku eine emotionale Komponente

genauerer Blick auf Länder außerhalb Europas wäre interessant; teilweise viele Fakten und Zahlen auf einmal

3. „7 Tage…Im Frauenknast“, SWR Doku, 2020, Länge: ca. 30 Minuten

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Film in den Blogbeitrag aufnehmen soll oder nicht, weil er mir deutlich schlechter gefallen hat als die anderen beiden. Ich habe mich allerdings doch dafür entschieden, weil er auf eine bestimmte Weise durchaus interessant ist und anderen Zuschauer:innen vielleicht besser gefällt als mir. In der Reportage verbringt Reporterin Elisa Luzius sieben Tage im Frauentrakt der JVA Zweibrücken. Sie erhält einen Einblick in den Alltag der Gefangenen dort, spricht aber vor allem mit einem Justizvollzugsbeamten und zwei Mitarbeiterinnen, die die Frauen in verschiedenen Berufen ausbilden. Alle drei sind sehr sympathisch und erzählen Einiges über ihren Beruf. Schade ist allerdings, dass in der ganzen Doku die Perspektive der Straftäterinnen kaum beleuchtet wird, sie werden eher von außen beobachtet. Gegen Ende spricht die Reporterin kurz mit einer Gefangenen, doch das Gespräch kreist ausschließlich um die Straftat der Frau und darum, wie es der Reporterin damit geht. Insgesamt hatte ich beim Schauen das Gefühl, dass die Reportage wenig in die Tiefe geht und meinen Erwartungen nicht entspricht. Man erfährt nichts darüber, wie es ist, Gefangene zu sein, sondern nur darüber, wie es ist, im Gefängnis zu arbeiten. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass der Film, wenn man mit anderen Erwartungen an ihn herangeht, sehenswerter ist.

sympathische Beamte

oberflächlich; wider Erwarten geht es nicht um die Frauen im Gefängnis