Als Sehender kann man sich kaum vorstellen, wie der Alltag für einen sehbehinderten oder blinden Menschen aussieht. Die folgenden Dokus stellen Menschen vor, die zeigen, wie sie ihr Leben mit Sehbehinderung gestalten und welchen Herausforderungen sie im Alltag ausgesetzt sind. Als sehbehindert gilt, wer weniger als 30% seiner Sehkraft hat. Blind ist man mit unter 2% Sehkraft. Genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen in Deutschland mit Sehbehinderung leben, gibt es nicht. Eine Statistik des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2017 erfasst ungefähr 560.000 Menschen, die in diese Kategorie fallen. Die reale Zahl der Sehbehinderten ist aber vermutlich höher. Als Inspiration für das Thema dieses Blogbeitrags dient der nationale Sehbehindertentag am 6. Juni, der vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband ins Leben gerufen wurde.
1. „Jung und blind: Wie ist es, plötzlich blind zu sein?“, PULS, 2017, Länge: ca. 15 Minuten
In dieser kurzen Reportage geht es um die 30-jährige Anna, bei der als Kind eine Autoimmunkrankheit diagnostiziert wurde, durch die sie nach und nach ihr Augenlicht verliert. Mit Ende 20 ist sie erblindet, sie kann nur noch hell und dunkel unterscheiden. Reporterin Ariane besucht Anna einen Tag lang, begleitet sie zum Essen und geht mit ihr in der Würzburger Innenstadt shoppen. Abends gehen sie gemeinsam in eine Bar. Der Umgang der beiden miteinander wirkt sehr natürlich, sie scheinen einen guten Draht zueinander zu haben – fast hat man beim Schauen den Eindruck, zwei Freundinnen in ihrem Alltag zu begleiten. Dadurch wirkt die Reportage insgesamt sehr locker und authentisch, ohne dabei an Informationsgehalt einzubüßen. In den Situationen, die gezeigt werden (z.B. die Fahrt im Bus oder das Überqueren der Straße an einer Ampel), fließen Informationen darüber, wie man als blinde oder sehbehinderte Person im alltäglichen Leben zurechtkommt, ganz automatisch mit ein. Die direkte und offene Art der Reporterin verleiht der Reportage einen jungen, frischen Anstrich, der gut zu der jungen Protagonistin passt. Zu der Reportage gibt es auch noch einen zweiten, ebenfalls sehenswerten Teil (ihr findet ihn hier), in dem Ariane in einem Selbstversuch herausfinden möchte, wie es sich anfühlt, einen Tag lang blind zu sein. Dabei wird sie von Anna unterstützt.
Fragen der Reporterin wirken sehr natürlich; insgesamt authentisch und „nah“
kurz und knapp; es werden wenig Hintergründe zur Protagonistin verraten, dadurch bleibt die Reportage eher oberflächlich
2. „Plötzlich blind – Ohne Augen zurechtkommen“, WDR Doku, 2018, Länge: ca. 45 Minuten
Wie ist das, wenn man plötzlich von einem Tag auf den anderen erblindet? Was verändert sich dadurch alles und wie schafft man es, in ein möglichst unabhängiges Leben zurückzufinden? Diese Doku stellt Menschen vor, die durch einen Unfall oder eine Krankheit im Erwachsenenalter ihr Augenlicht verloren haben, und sich nun neu in ihrem Leben zurechtfinden müssen. Steffi wurde durch einen schweren Unfall blind. Zwei Jahre nach dem Unfall kämpft sie dafür, wieder in ihren alten Beruf an einer Schule zurückkehren zu können. Die plötzliche Erblindung hat sie aus der Bahn geworfen, doch mit der Unterstützung ihres Mannes und Hilfe durch das Berufsförderungswerk (BFW) in Düren hat sie es geschafft, neue Routinen zu entwickeln. In ihrem Alltag hat sie viele Apps und technische Hilfen, die ihr Dinge erleichtern, die ihr ohne Sehkraft schwerfallen. Ein kleines Gerät, das sie an eine Tasse klemmt, signalisiert zum Beispiel durch einen Ton, wann die Tasse voll ist. Reiner hat vor drei Jahren das Augenlicht verloren, nach einer Operation wurde er plötzlich blind. Genauso wie Steffi wendet er sich an das BFW, um dort zu lernen, mit der neuen Situation klarzukommen. Er lernt dort nicht nur, mit einem Blindenstock umzugehen, sondern wird auch für eine Rückkehr in seinen Beruf geschult. Das alles soll ihn auf das vorbereiten, was er sein „Leben 2.0“ nennt. Die Kamera begleitet ihn nicht nur während seiner Zeit im BFW, sondern auch danach, bei seinem Umzug in eine neue Wohnung. In der Doku wird dem Zuschauer/der Zuschauerin nicht nur die wichtige Arbeit des BFW nährgebracht, sondern im Mittelpunkt stehen vor allem wahnsinnig sympathische und beeindruckende Menschen, die zeigen, wie sie kleine und große Hürden im Alltag meistern, und außerdem auch offen über ihre Ängste und Sorgen sprechen. Insgesamt geht der Film sehr in die Tiefe und ist dadurch bewegend und voller Emotionen.
man hat das Gefühl, die Protagonistinnen und Protagonisten richtig kennenzulernen; fesselnd und abwechslungsreich
macht neugierig darauf, wie es den Protagonistinnen und Protagonisten im Lauf der Zeit geht; ein Update wäre interessant bzw. man hätte sie über einen längeren Zeitraum begleiten können
3. „Blind Date: Urlaub mit einem Fremden“, ARD, 2018, Länge: ca. 30 Minuten
Im Fokus dieser Doku steht eine ungewöhnliche Idee: Über eine Agentur werden Ehrenamtliche an Menschen mit Handicap vermittelt, um mit ihnen zusammen in den Urlaub zu fahren. Anke und Herbert nehmen zum ersten Mal an einer solchen Reise teil, dabei werden sie mit der Kamera begleitet. Der Film folgt den beiden abwechselnd. Ankes Partnerin für die Reise ins Sauerland ist Johanna, die im Rollstuhl sitzt und deshalb auf Unterstützung angewiesen ist. Beide sind bei dem Gedanken daran, mit einer fremden Person zu verreisen, zunächst nervös, doch nach und nach legt sich die Aufregung und die beiden verbringen einen spannenden Urlaub miteinander. Dabei teilen sie die Höhen und Tiefen, durch die sie gehen. Auch Herbert und sein Begleiter Jochen, der blind ist, sind zunächst unsicher, was sie von der Reise nach Portugal erwarten können. Die beiden merken schnell, dass sie sich auf die Wünsche und Bedürfnisse des anderen einlassen müssen, um beide von dem Urlaub profitieren zu können. Dieser Kennenlernprozess ist sehr spannend zu beobachten – am Anfang werden die beiden einander als Fremde vorgestellt, am Ende der Reise erscheinen sie wie zwei Freunde, die sich schon lange kennen, und haben sichtlich Spaß zusammen. Auch bei Anke und Johanna kann man sehen, wie sie langsam zusammenwachsen. Die anfänglichen Schwierigkeiten, die die beiden Frauen haben, werden auch angesprochen, teilweise vielleicht ein wenig zu invasiv. Sätze wie „In den nächsten Stunden wird es richtig krachen zwischen den beiden.“ erscheinen etwas fehl am Platz, denn eine gute Doku sollte ohne Foreshadowing auskommen, um fesselnd zu sein. Insgesamt ist es jedoch sehr schön zu beobachten, wie die vier Reisenden Vertrauen zueinander aufbauen.
spannende Idee; schön, dass die Protagonistinnen und Protagonisten über den ganzen Urlaub (und darüber hinaus) begleitet werden
sehr großer Erzähleranteil; Foreshadowing hätte weggelassen werden können
