3 Tipps: Essstörungen

Circa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zwischen 11 und 17 Jahren zeigt Symptome einer Essstörung (Quelle: BZgA). Die häufigsten Formen von Essstörungen sind Anorexie, Bulimie und Binge-Eating-Störung. Doch Essstörungen beschränken sich nicht auf ein bestimmtes Alter oder ein bestimmtes Geschlecht, sondern können jeden betreffen. Die folgenden drei Doku-Tipps räumen Klischees aus dem Weg, führen an neue Perspektiven heran und versuchen aufzuklären.

Hinweis: Der Blogbeitrag und die verlinkten Dokus behandeln sensible Themen und können für manche Leser*innen verstörend sein. Bitte lies nur weiter, wenn du dich emotional und psychisch stabil fühlst. Infos und Beratungsangebote zum Thema Essstörungen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt es hier : https://www.bzga-essstoerungen.de

1. „Essstörung Magersucht: Wenn Essen zur unüberwindbaren Qual wird“, NDR Doku (Format „7 Tage“), 2016, Länge: ca. 30 Minuten

Reporterin Johanna ist sieben Tage lang zu Besuch in einer Klinik für Essgestörte. Dort begleitet sie drei junge Frauen, die an Magersucht leiden. Von Anfang an wirkt die Reportage sehr persönlich, weil die Reporterin in ihrer Jugendzeit selbst an einer Essstörung erkrankt war und ihre eigenen Erfahrungen in Form von vorgelesenen Tagebucheinträgen und viel persönlicher Meinung mit einfließen lässt. Auch mit den drei jungen Protagonistinnen werden ausführliche und persönliche Gespräche geführt, so dass man als Zuschauer*in einen Einblick in die Gedanken und Emotionen der Erkrankten bekommt. Vielleicht auch ihrer eigenen Vergangenheit geschuldet, schafft es die Reporterin, einfühlsam auf die Protagonistinnen einzugehen, ihre Fragen wirken zu keinem Zeitpunkt unpassend oder invasiv. Insgesamt geht der Film sehr in die Tiefe und fragt, was hinter einer Essstörung steckt – die Symptome der Magersucht stehen gar nicht so sehr im Vordergrund, sondern vielmehr die Ursachen und Auslöser. Durch die Offenheit der drei jungen Frauen und die ungewöhnliche Herangehensweise der Reporterin, ihre eigenen Erfahrungen zu thematisieren und ein Stück weit aufzuarbeiten, hat man das Gefühl, die Krankheit und das, was dahintersteckt, ein bisschen besser zu verstehen.

erzählt nah und subjektiv; Fokus liegt auf persönlichen Geschichten, nicht auf Fakten und Zahlen

es wäre interessant zu wissen, wie es den Protagonistinnen heute geht (das ist allerdings kein wirklicher Kritikpunkt)

2. „Binge-Eating-Störung – Wenn Essen krank macht: Wie man die Fressattacken in den Griff bekommt“, Y-Kollektiv, 2019, Länge: ca. 20 Minuten

Wenn es um Essstörungen geht, denken die meisten zuerst an Magersucht oder Bulimie. Die häufigste Essstörung ist jedoch eine andere, nämlich die Binge-Eating-Störung. Die Betroffenen haben schlimme Heißhungeranfälle und verlieren dadurch die Kontrolle über ihr Essverhalten, ähnlich wie bei einer Sucht. Da Menschen mit Binge-Eating-Störung meist übergewichtig sind, wird die Krankheit oft stigmatisiert und nicht ernst genommen. Dem stellt sich die Doku entgegen, indem sie zeigt, wie der Alltag mit dieser Essstörung aussehen kann und welche Behandlungsformen es gibt. Laura ist 22 und schon seit ihrer Kindheit von der Binge-Eating-Störung betroffen. Reporter Felix Franz begleitet sie unter anderem bei einem Trip zum Supermarkt. Inzwischen hat Laura die Essattacken im Griff, doch einen normalen Wocheneinkauf kann sie trotzdem nicht machen: Sie kauft immer nur das, was sie gerade braucht, um nicht in Versuchung zu kommen, mehr zu essen als sie möchte. Laura erzählt sehr reflektiert und offen davon, wie ihre Krankheit in ihrer Kindheit und Jugend ausgesehen hat und wie sie ihren kompletten Alltag bestimmt hat. Zur Veranschaulichung liest sie Auszüge aus ihrem Tagebuch vor. Trotz des schwierigen Themas schafft es die Doku, einen positiven Grundton beizubehalten, was vor allem an der sympathischen Protagonistin und der Unvoreingenommenheit des Reporters liegt. Dieser besucht neben Laura auch die Psychologin Prof. Dr. Anja Hilbert, die sich auf die Binge-Eating-Störung spezialisiert hat, und ist bei zwei Sitzungen dabei, in denen unterschiedliche Therapieansätze gezeigt werden („Nahrungskonfrontation“ und „Neuro-Feedback“).

Protagonistin Laura wirkt sehr ehrlich und offen; Reporter geht vorurteilsfrei an das Thema heran bzw. räumt mit Vorurteilen auf

es wäre schön, wenn Laura über einen längeren Zeitraum in ihrem Alltag begleitet worden wäre

3. „Wenn Männer magersüchtig sind“, WDR Doku, 2017, Länge: ca. 45 Minuten

Wie ist es, als Mann magersüchtig zu sein? Wenn man nicht nur mit einer Essstörung umgehen muss, sondern auch mit dem Vorurteil, eine vermeintliche Frauenkrankheit zu haben? Das zeigen die beiden Protagonisten in dieser Doku. In einem recht unvermittelten Einstieg wird der 15-jährige Tim vorgestellt und es wird ein Einblick in seinen Therapie-Alltag in einer Klinik für Essgestörte gewährt. Er sagt selbst, er sei noch nicht sicher, ob er gesund werden möchte – der eigene Wille, die Magersucht zu bekämpfen, ist allerdings notwendig für eine erfolgreiche Therapie. Entsprechend bedrückend und schwierig anzusehen sind die Interviewszenen und die Gespräche, die Tim mit seiner Mutter führt. Der zweite Protagonist, Raimund, ist 27 und lebt nach einem Klinikaufenthalt nun wieder zu Hause bei seinen Eltern. Er hat Schwierigkeiten damit, in einen geregelten Tagesrhythmus zu finden, und versucht, Diskussionen mit seiner Familie, in denen es um das Thema Essen geht, aus dem Weg zu gehen, indem er gemeinsame Mahlzeiten meidet. Doch er hat ein Ziel, an dem er festhält und das ihm Zuversicht gibt: Er möchte Lebensmittelwissenschaften studieren. Dafür ist es wichtig, dass er seine Magersucht im Griff hat und dass die gesunde Seite in ihm stärker ist als die kranke. Raimund und Tim – zwei sehr unterschiedliche Personen in unterschiedlichen Situationen – werden über einen längeren Zeitraum mit der Kamera begleitet, so bekommet der/die Zuschauer*in einen Einblick in Höhen und Tiefen, Fortschritte und Rückschläge. Schön ist auch, dass nicht nur die beiden Erkrankten zu Wort kommen, sondern auch deren Umfeld. Raimunds Eltern und sein Zwillingsbruder, sowie Tims Mutter schildern, wie sie die Essstörung ihres Sohnes bzw. ihres Bruders wahrnehmen und welchen Herausforderungen sie sich ausgesetzt sehen. Die verschiedenen Perspektiven geben der Doku eine zusätzliche interessante Dimension.

Behandlung des Themas Anorexie aus der Sicht männlicher Betroffener gibt es nur selten; Meinungen und Ängste des Umfelds werden angesprochen

wirkt etwas distanzierter und nicht so persönlich wie die anderen beiden Dokus